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Verehrte Hörerinnen und Hörer,
ein rechter Haushalter möchte zum Jahresende gerne einen
rechten Abschluß vorlegen. Aber es will nicht recht
gelingen. Zu viele Konten sind offen geblieben: wie soll er
sie bewerten?
Dies ist die Lage, in der der Bundespräsident kurze
Worte an die Deutschen richten soll. Ich tue das mit einigem
Zögern. Der Mensch, in aller Welt ist es so, überschreitet
die Jahresgrenze in einer Mischung von rückschauender
Sentimentalität und verwegenem Optimismus - besitzen
wir Unbefangenheit und Kraft, zu solcher Schwebelage der Gefühle
etwas Eigenes zu sagen? Hat jener Mann recht, ein Mann von
Rang und Verantwortungsgefühl, der kürzlich zu mir
bemerkte: das Jahr 1950 werde uns einmal als eine Oase der
Glücksmöglichkeiten erscheinen? Dabei dachte er
gar nicht an Kriegssorgen. In dem Gespräche war dies
erörtert: die sozialwirtschaftliche Leistung des Jahres
1950, im Zusammenwirken von Arbeiterschaft und Unternehmertum,
in der Treue von ungenügend bezahlten Beamten und in
dem Fleiß der den Preisschwankungen ausgesetzten Bauern
war außerordentlich. Das, was man "Sozialprodukt"
nennt, die Gütermenge der Gesamtwirtschaft, stieg, und
nicht bloß durch eine Konjunktur, die weltpolitisch
bedingt war, und inzwischen in der Preissteigerung vieler
gewerblichen und agrarischen Rohstoffe ihre Kehrseite zeigt.
Dieser Vorgang der Ausweitung der Erzeugung ist für
uns alle schlechthin lebensentscheidend. Aber die seelische
Haltung weiter Volkskreise hat davon keinen rechten Vermerk
genommen. Hier stimmt etwas nicht. Ich denke nicht daran,
mit billigen Sprüchen über die Notlage von Millionen
mich und die Hörer hinwegzureden - ich kriege dann die
Briefe der Verbitterung: Du, du hast gut reden! Die Dinge
gehen tiefer. Sie sind eine Frage der seelischen Ordnung unseres
Volkes oder der Unordnung. Die Geschichte predigt heute so
eindrucksvoll wie selten den Zwang zu einem den anderen verstehenden
Gemeinbewußtsein, die Zeitungen schreiben auch recht
brav von dieser Notwendigkeit. Die Praxis sieht vielfach ganz
anders aus. Man setzt das Eigeninteresse dem Gesamtinteresse
gleich. Mit dem in sich schönen Wort "Gemeinnutz
geht vor Eigennutz" hatten die Nazis ihre parteipolitische
Machtpraxis vernebelt oder getarnt. Solche Taktik halten manche
heute gar nicht mehr für nötig. Ich nehme gern die
Ablehnung von vielen auf mich, hoffend, dass es nicht zu viele
sein werden, wenn ich dies sage: von den innerdeutschen Pressenotizen
dieses Jahres hat mich keine so beelendet wie die Nachricht,
dass sich ein Verein oder eine Partei der "Einheimischen"
gegen die Flüchtlinge gebildet hat. Der Bundespräsident
tritt aus der Neutralität heraus, die in dem Sinne seines
Amtes liegt, wenn er sagt, dass er dies als eine Schande empfand.
Und nun mögen manche auf mich schelten und die Vereinsvorstände
mich wegen Beleidigung verklagen!
Wir müssen die Fragestellung in manchem Bereich sehr
ernst nehmen. Das möchte ich hoffen dürfen, dass
die starke parteipolitische Zuspitzung etwas an Reiz verloren
hat, nachdem in wichtigen Gebieten die Landtagswahlkämpfe
durchgefochten sind. Einem bedeutenden Amerikaner, der über
die Ungewissheit in den deutschen Haltungen klagte, antwortete
ich: das müssen Sie doch aus Ihrer Heimat wissen, dass
Wahltermine etwas Lähmendes besitzen. Er lachte verständnisvoll.
Aber ich selber bleibe bedrückt, wenn ich etwa an den
Leidensweg denke, den die so hoffnungskräftig beginnenden
Besprechungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern,
in Hatenheim, in Maria Laach, gegangen sind. Sollen sie in
verjährten Vorstellungen stecken bleiben? Ich spreche
darüber mit voller Unbefangenheit. Ich darf darüber
sprechen, denn ich bin stolz, in meiner akademischen Lehrzeit
der Schüler von Lujo Brentano gewesen zu sein - kein
anderer Mann hat wie dieser das freie sozialwirtschaftliche
Vertragsverhältnis einer gleichberechtigten Partnerschaft
dargestellt, begründet, verteidigt und verkündet.
Der Bundespräsident, der vermessen genug ist, zu glauben,
dass er von der wechselseitigen Fragestellung etwas versteht
und das Gewicht der seelischen wie sachlichen Motive begreife,
hat dies als stärksten Wunsch, den er in das werdende
Jahr ruft: begegnet euch wieder in dem Geist realistischer
Sachlichkeit und menschlicher Vertrauenskraft. Die rednerischen
Heißsporne, die sich selber und vielleicht auch manchem
Zuhörer mit flotter und unbedarfter Polemik Freude machen,
gehören jetzt, heute nicht auf die Tribüne, aber
die verständigen Männer mit Überblick, mit
Respekt vor dem Partner, mit einem freien Spürgefühl
für das Werdende und tapferer Entscheidung an den Beratungstisch.
Diejenigen, die einmal Kampfideologien geformt haben, sind,
auf beiden Seiten, längst gestorben. Der Lebende hat
Recht, indem er Recht schafft. Und zwar das Recht der freien
und über Konjunktur- und Machtwechsel hinaus bindenden
Verständigung, das diesem schwachen Staat nicht Verantwortungen
aufbürdet, denen er - ganz nüchtern gesprochen -
einfach nicht gewachsen ist.
Diesem aus Gliedern aufgebauten Staat in der politischen
Leitung wie in der Gesetzgebung eine rechte Gestaltungskraft
zu gewinnen und zu sichern, auch eine von allen anerkannte
Verfahrensweise seiner einzelnen Organe, ist mit eines unserer
wichtigsten Anliegen. dass die "grundgesetzlichen"
Rechtsformen aus Kompromissen zustande kamen - und nur so
konnte das Unterfangen gelingen -‚schließt schier
zwingend die Willigkeit in sich, in den großen Fragen
einen elastischen Ausgleich zu finden. Manche Leute, zumal
solche, die Aufsätze über die sogenannten "Spielregeln
der Demokratie" fabrizieren, meinen, das Wesen der Politik
sei in dem Kampfspiel von "Regierung" und "Opposition"
beschlossen. Es fällt mir nicht ein, die Gegensätzlichkeit
von Anschauungen oder Interessen im politischen Raum zu verharmlosen;
sie ist ein belebendes Element des Antriebs und Kraft der
Kontrolle. Aber sie darf nie zum politisch-technischen Selbstzweck
erstarren, bei dem ein gescheites Wort als dumm gilt, eine
verständige Handlung als falsch, nur weil sie im anderen
Lager gesprochen oder vollzogen wurden. Gewiß ist politisches
Tun im Elementaren Kampf um eine Gruppenmacht, aber ihr höherer
Sinn ist doch, zumal in einem vom Schicksal bedrohten Volke,
das einfache Leben-Können. Und in diesem letzten, sehr
simplen Wissen müssen sich die Gruppen vor den wichtigen
Fragen zu einer Gemeinsamkeit zu finden verstehen.
In der Nazi-Zeit war das öffentliche Schimpfen verboten,
das private lebensgefährlich. In der Demokratie ist beides
erlaubt, und viele wollen nachholen, was sie damals versäumt
haben - es sind auch Anfängerdemokraten dabei. Den Gegenstand
finden sie, nach Laune, beim Kabinett, bei den Abgeordneten,
auch bei den Besatzungsmächten. Derlei ist unvermeidlich;
berechtigter Sachanlaß, aus Not oder enttäuschter
Hoffnung, bietet sich überall an. Doch viele Deutsche
machen es sich zu billig. Sie verkennen, welche ungeheure
Arbeitslast, durch die Stauung so vieler, vieler Aufgaben
in den letzten Jahren, auf den einzelnen Männern und
Frauen in den Parlamenten, in den leitenden Verwaltungen ruhen.
Es ist ein Unrecht, dass man wegen dieser und jener peinlichen
Geschichte (oder Persönlichkeit) die zähe danklose
Arbeit der großen Zahl kaum sieht und, weil Erwartungen
da und dort nicht, noch nicht erfüllt sind, die wichtigen
gesetzgeberischen Arbeiten kaum bewertet. Vielen Hörern
haben diese Sätze nicht gefallen: der Heuss sollte doch
mitschimpfen und den Leuten den Kopf waschen - so billig macht
er sich das nicht.
Umso mehr, als er spürt, welche geschichtlichen Verantwortungen
auf Bundesrat und Bundestag, und hier auf Mehrheitsgruppen
wie Opposition, zuschreiten. Das Weltgespräch, das über
Deutschland seit Jahr und Tag geführt wurde, ohne dass
Deutschland unter vergleichbaren Bedingungen daran beteiligt
war - wird sich zunächst in den Voraussetzungen wandeln.
Ich rede darüber nicht im Ton illusionistischer Befriedigung,
nicht in dem einer über das Bisherige verstimmten Anklage
- das ist nie meine Art gewesen. Wir sollen in die bevorstehenden
Besprechungen mit Nüchternheit und Geduld hineingehen
- Nüchternheit und Geduld heißen aber nicht Resignation
der sachlichen Ohnmacht, die vielleicht nebenbei aus ihr etwas
wie eine taktische Macht bilden möchte, sondern eine
ruhige bereite Glaubenskraft. Wir haben uns in vielem geirrt,
die anderen haben sich in vielem geirrt, wir haben in Urteil
oder Handlung Torheiten begangen, die anderen haben es an
Vergleichbarem wahrlich nicht fehlen lassen. Das zu beschreiben
wird eine sehr schöne Aufgabe für künftige
Historiker sein, und zwar bei allen Völkern.
Die tragische Verworrenheit der Zeit spiegelt sich darin,
dass die Einsicht der Vernunft so entsetzlich lange braucht,
bis sie als Tatentscheidung sich verwirklicht. Man begegnet
etwa kaum einem Amerikaner, der nicht versichert, noch ehe
das Gespräch den Gegenstand erreicht hat, dass die mechanistische
Regelung der sogenannten "Denazifizierung" psychologisch
und sachlich ein Irrweg war - das, was auf diesem Gebiet notwendigerweise
geschehen mußte, war zu regeln, ohne neues Unrecht und
Verbitterung zu schaffen. Vor bald vier Jahren habe ich die
fremden Offiziere aufgefordert, mitzuhelfen, dass die sogenannte
"Diskriminierung", die billige Form der kollektiven
Verfemung, von dem deutschen Berufssoldaten genommen werde,
der, im guten Typus, sein Berufsethos so gut vertrat wie der
gute Typus auf der anderen Seite. Fast jeder Gesprächspartner
versichert, und zwar nicht erst, seit die Weltgeschichte wieder
von "Kampfeinheiten" redet, dass man natürlich
recht habe. Aber... es bleibt das Aber des Nicht-, des Noch-Nicht-Wagens
und -Sagens...
Wenn die kommenden Besprechungen einen inneren Sinn haben
sollen, dann müssen sie vom Anbeginn nicht den Charakter
des bloßen Handelns, des Aushandelns haben - do ut des,
gib, dass ich gebe -‚ sondern des Verhandelns. Im Verhandeln
aber ist ein gemeinsames Ziel gesetzt: die Grundlagen des
Friedens zu sichern. Der Friede ist für die Deutschen
das höchste Gut. Das wissen auch die Deutschen, denen
eine Heimat geraubt wurde: sie hoffen auf Rückkehr, aber
sie wollen nicht an frischen Soldatengräbern vorbeiwandern
müssen...
Nun ein Letztes. In der Presse lasen Sie, der Bundespräsident
werde heute eine neue Nationalhymne anordnen. Nein, hieß
es dann wieder: das werde er nicht tun. Ich will das gelinde
Durcheinander ganz einfach ordnen. Ich glaube, selbst bei
Leuten, denen meine Art fremd ist, nicht im Verdacht zu stehen,
den Sinn geschichtlicher Zusammenhänge zu mißachten;
ich lebe selber aus ihren Werten. Aber das ungeheure Schicksal,
das die staatlichen Zusammenhänge zerschlug, die volklichen
verwirrte, schuf einen Geschichtseinschnitt, der mit dem alten
Sinn- und Wort-Vorrat nicht mehr umfaßt werden kann.
Darüber sprach ich vor Monaten mit dem verehrungswürdigen
Dichter Rudolf Alexander Schröder, und er begriff, was
mich bewegte:
Ich will ganz einfach vorlesen, was das Echo dieses freundschaftlichen
Männergespräches war:
Land des Glaubens, deutsches Land,
Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land!
Land der Hoffnung, Heimatland,
ob die Wetter, ob die Wogen
über dich hinweggezogen,
ob die Feuer dich verbrannt,
du hast Hände, die da bauen,
du hast Herzen, die vertrauen,
Lieb und Treue halten stand,
Land der Hoffnung, Heimatland!
Land der Liebe, Vaterland,
heil'ger Grund, auf den sich gründet,
was in Lieb und Leid verbündet
Herz mit Herzen, Hand mit Hand.
Frei, wie wir dir angehören
und uns dir zu eigen schwören,
schling um uns dein Friedensband,
Land der Liebe, Vaterland!
Die Strophen haben die Menschen, die sie kennen lernten,
tief bewegt. Hermann Reutter schuf ihnen die Töne: als
wir einen Knabenchor baten, uns das Lied vorzusingen, hat
es alle gepackt, auch die Zögernden. Wer am Radio sitzt,
wird es nachher hören, kunstvoller, wie man es eben am
Radio gewöhnt ist. Indem ich das Lied als Ausklang dieser
Ansprache wählte, habe ich nicht einfach die neue Nationalhymne
als Amtsvorgang "dekretiert". Aber ich hoffe, dass
Hunderttausende, dass Millionen spüren: hier haben die
Empfindungen und Erfahrungen unseres Geschlechts eine symbolkräftige
Form gefunden, unseres Geschlechts, das dem Gewesenen die
erinnerungsstarke Ehrfurcht nicht versagt, aber die glaubende
Hoffnung der einenden Liebe zum Vaterlande schenkt.
Wort und Ton sollen und wollen, sie werden Besitz und Bekenntnis
der Nation werden!
Und auch dies mag gelten, dass der verpflichtende Sinn von
Schröders letzten Zeilen, da das freie Menschentum seinen
Lebenswert im Frieden bestätigt findet, in die Seelen
klinge:
Frei, wie wir dir angehören
und uns dir zu eigen schwören,
schling um uns dein Friedensband,
Land der Liebe, Vaterland!
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